Text der Woche: Ella in der Stadt

Es sind nur ein paar hundert Meter, aber Ella weiß nicht, ob sie jemals ankommen wird. Sie sieht an Gebäuden links und rechts hoch, riesenhaft­e Glasfassaden ohne Zeichen mensch­lichen Lebens. Kein offe­nes Fenster. Ella ist winzig auf dem heißen Asphalt, wie sie dort steht mit hängenden Schultern und schwerem Atem. Die dürren Äste eines Baumes in einem Quadratmeter Erde spenden keinen Schatten. Kalt glit­zert der Bürgersteig.

Ella zwingt sich, zu gehen, doch obwohl sie einen Fuß vor den anderen setzt, hat sie das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen. Die Haare kleben ihr im Nacken und ihre Beine schmerzen. Erbarmungslos spiegeln Glas­fassaden das Sonnenlicht. Ellas Kopf schmerzt; Häuser scheinen zu­sammenzurücken, der Asphalt scheint näherzukommen.

Sie flüchtet in den Innenhof eines Bauwerks, hier ist es dunkel, Ella von Stahl und Glas um­geben und Hunderten von Menschen. Stim­men re­flektieren im hohlen Raum, werden von den Wänden multipliziert.

Ella schleppt sich zu einem grell bunten Selbstbedienungslokal, in dem der Kuchen farblich zur Einrichtung passt. Alle Tische sind besetzt; Ella bestellt Kaffee, setzt sich irgendwo dazu. Plötzlich ist ihr kalt, sie weiß nicht mehr, wohin sie eigentlich wollte. Sie nimmt den Pappbecher in beide Hände, starrt in die flirrende Luft.

 

(aus: Töne, metallen, trägt der Fluss – Eine lyrische Elbreise, S. 30)


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